Ein Märchen ohne Reue

Martin Bülow

Das American Ballett Theatre, welches in seiner Heimatstadt New York in der Metropoliten Opera im Lincoln Center auftritt, macht das und bringt das. Mikhail Baryshnikov prägte als künstlerischer Direktor die Kompanie von 1980 -1989. Sein weltbekanntes, extremes Leistungsniveau ist seitdem erhalten geblieben.
Der argentinische Tänzer Herman Cornejo und die bezaubernde Tänzerin Misty Copeland waren das Traumpaar »Franz und Swanhilda« des gestrigen Abends. Das Sujet des Balletts ist schnell erzählt: Wahnsinniger, soziophober, promovierter Wissenschaftler Dr. Coppélius ist von der Erstellung mechanischer Puppen besessen, die er zum Leben erwecken möchte. Eines Tages setzt er sein Meisterstück - Coppélia - auf den Balkon und stellt mit Begeisterung fest, dass alle sie für lebendig halten. Eine originelle Treueprüfung mit einer rasselnden Getreideehre würde an dieser Stelle zu weit führen und unnötig von der fesselnden Liebesgeschichte ablenken.
Der - fast - verlobte Franz fällt in tiefe Liebe zu Coppélia, was wiederum Swanhilda nicht sonderlich amüsiert. Swanhilda mit ihren Freundinnen und Franz haben - unabhängig voneinander - die brillante Idee, in das Haus von Dr. Coppélius einzubrechen und sich Coppélia von der Nähe anzusehen. Swanhilda entdeckt sofort, daß Coppélia nur eine Puppe ist. Dr. Coppélius kommt zurück und vertreibt die Mädchen bis auf Swanhilda, die sich unbemerkt verstecken kann. Franz dringt in die Werkstatt ein und wird vom Doktor mit Wein und Schlafmittel sediert. Zwischenzeitlich hat Swanhilda Coppelia's Platz eingenommen und jetzt... geht die Verwirrung erst richtig los. Der unverantwortliche Wissenschaftler versucht - mittels Zauberbuch - die Seele von Franz auf Coppelia zu übertragen. Die sich als Coppélia ausgebende Swanhilda tanzt so bezaubernd, dass Dr. Coppélius glaubt, ein lebendiges Wesen erschaffen zu haben und der - wieder erwachte - Franz beginnt leidenschaftlich mit der schönen Tänzerin zu flirten. Swanhilda nimmt daraufhin voll Zorn die Maske ab und läuft davon, worauf Franz folgerichtig die Werkstatt zertrümmert, die Puppe greift und das Haus fluchtartig verlässt. Im letzten Akt kommt natürlich alles in Ordnung. Zwar wird Franz von den Mädchen ausgelacht, weil er sich in eine Puppe verliebt hat, doch Swanhilda vergibt ihm. Doktor Coppélius unterbricht die Festlichkeiten und beklagt sich über die Zerstörung seiner Werkstatt - tröstende Worte und ein Beutel voll Gold vom Herzog besänftigen ihn. Es folgen als Epilog noch drei weltbekannte allegorische Tänze - danach folgt der tosende Schlussapplaus.

  • Generalprobe - Die New Yorker Kolleginnen und Kollegen machen sich warm © Martin Bülow Generalprobe - Die New Yorker Kolleginnen und Kollegen machen sich warm © Martin Bülow
  • Auf die Plätze ... © Martin Bülow Auf die Plätze ... © Martin Bülow
  • Generalprobe © Martin Bülow Generalprobe © Martin Bülow
  • Schlussapplaus © Martin Bülow Schlussapplaus © Martin Bülow
  • Eine wunderschöne märchenhafte Inszenierung © Martin Bülow Eine wunderschöne märchenhafte Inszenierung © Martin Bülow
  • ... fertig, los © Martin Bülow ... fertig, los © Martin Bülow
  • Der Personalratsbeistand in schweren arbeitsreichen Stunden - am Pool © Martin Bülow Der Personalratsbeistand in schweren arbeitsreichen Stunden - am Pool © Martin Bülow
  • Schlussapplaus © Martin Bülow Schlussapplaus © Martin Bülow

Könnte man hier nicht doch die Auseinandersetzung zwischen Mensch und Maschine oder die Vereinsamung des Wissenschaftlers in der heutigen technisierten Welt.... NEIN!!! Alle Akteure füllen den Abend vollkommen aus - es ist wirklich kein Platz für dramaturgische Extravaganzen. Die überzeichneten, märchenhaften Gesten aus dem vorhergehenden Jahrhundert sind allgemeinverständliche Sprache und führen ein treu durch die Geschichte.

Die Dresdner Philharmonie - in großer Reise-Best-Besetzung - war das Fundament für den großen Erfolg des gestrigen Abends. Die Tänzer der Companie sind zuhause orchestral nicht auf Rosen gebettet, so daß ihrerseits die Freude über den excellenten, musikalischen Tanzteppich groß ist. Das Leistungsvermögen der Tänzerinnen und Tänzer der Companie ist unglaublich und märchenhaft. Tanzenthusiasten aus aller Herren Länder haben sich in New York zusammengefunden, um sich selbst an die physischen und physikalischen Grenzen zu bringen. 9:00 Uhr Aufwärmen; 11:00 Uhr Probe mit Klavier; 13:00 Uhr - 16:00 Uhr Generalprobe mit der Dresdner Philharmonie... ach und ich vergaß, 20:00 Uhr - 22:30 Uhr Aufführung Coppélia. Herman Cornejo hat sich schon lange von den Fesseln der Erdgravitation verabschiedet und sprang und tanzte und füllte die gesamte Höhe zwischen Bühnenboden und Schnürboden.

Die Musikerinnen und Musiker des Orchesters saßen auf Parketthöhe und konnten in den Musizierpausen das Geschehen auf der Bühne verfolgen. Die Begeisterung für das Können war groß, wobei ich bei den Kolleginnen auch ein gewisses Interesse an den Beinkleidern von Senòr Cornejo entdecken konnte. Nicht alle Männer sehen in Strumpfhosen abstoßend aus. Wir danken Misses Misty Copeland für die Wiederentdeckung der Vollendung von Grazie und Anmut. Das berühmte Pas de deux im 3. Akt gehört zu den Meilensteinen des klassischen Tanzes - es wurde gestern Abend zum Pas de trois. Hanno Felthaus - Solo-Bratscher der Dresdner Philharmonie - spielte die gefürchtete, lange Passage bravourös. Die Schwierigkeit steckt in der außergewöhnlich hohe Lage des Solos, welche aber immer noch nach Bratsche klingen soll. Herr Felthaus spielte in wunderbarer, ruhiger Perfektion diese gefürchtete Probespielstelle und der Szenenapplaus gebührte allen drei Solisten gleichermaßen.

Viel Zeit zur angeregten Unterhaltung hatten sie nicht - die neuen New Yorker Freunde - aber danke, daß es solche Tanzfanatiker noch gibt, die täglich 6 Stunden im Tanzsaal trainieren und sich quälen und die Ikonen des klassischen Balletts im Urtext pflegen.