Bedrängnis und Jubel

Martin Bülow, 24.11.2016

1937 wurde sie uraufgeführt, unter großem Jubel des Publikums. Und auch die Parteiführung nahm es wohlwollend auf, das neue Opus von Schostakowitsch, die Sinfonie Nr. 5. Der junge russische Komponist war damit nach dem vernichtenden Artikel in der Prawda über seine Oper «Lady Macbeth von Mzenzk» rehabilitiert. Stalin hatte diese Oper besucht, nachdem sie im damaligen Leningrad und in Moskau bereits zwei Jahre lang sehr erfolgreich auf dem Spielplan gestanden hatte. Er war schockiert: Das Thema – eine Frau, die sich ihre erotischen Wünsche mit allen Mitteln zu erfüllen sucht – war Stalin ein Gräuel. Schostakowitsch ließ seine fast vollendete 4. Sinfonie daraufhin in einer Schublade verschwinden und komponierte die Fünfte. Von Chaos kann hier keine Rede mehr sein: Das Werk ist viersätzig wie eine romantische Sinfonie, einfach aufgebaut mit Rückgriffen auf altbekannte formale Vorbilder, zum Beispiel die Sonatensatzform oder die Scherzoform. Und: Sie führt, wie man das seit Beethoven kannte, «vom Dunkel ins Licht», «per aspera ad astra». Jubelnd erhob sich das Publikum nach der Premiere, öffentlich hieß es, Schostakowitsch sei endlich seine früheren Fehler losgeworden und beschreite einen neuen Weg, werde ein großer sowjetischer Künstler, seine Sprache sei jetzt klar und einfach. Den linientreuen Jubel des Publikums zur Uraufführung kann man heute nicht mehr verstehen. Nach den vernichtenden Schlussschlägen der Pauke und der großen Trommel braucht man 10 Sekunden der Erholung - jedesmal wieder.

 

  • Probe in München ©Martin Bülow Probe in München ©Martin Bülow
  • Konzert in Innsbruck ©Martin Bülow Konzert in Innsbruck ©Martin Bülow
  • Konzert in Innsbruck ©Martin Bülow Konzert in Innsbruck ©Martin Bülow

Die Interpretation der Dresdner Philharmonie unter der Leitung von Michael Sanderling begeistert auf einer tiefen, intellektuellen Ebene. Die in Dresden und Innsbruck gehörte Sinfonie trägt diese erschütternde Doppelbödigkeit, Selbstverleugnung und Furcht des Komponisten in sich, der Jahrzehnte mit einem gepackten Koffer und der Angst seiner Inhaftierung leben musste. Der größte Sinfoniker des 20. Jahrhunderts: Im Westen als Staatskomponist und Komponist der Besatzer verunglimpft und geschmäht, im Osten 10 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg vollkommen unaufgeführt und verfemt.

Im September 2010 äußerte Kurt Sanderling in einem Gespräch in Dresden:

"Ich war in der ersten Aufführung der fünften Symphonie in Moskau, die übrigens nicht Mrawinski, sondern Gauk dirigierte, und es war tatsächlich so, dass wir uns nach dem ersten Satz schüchtern zu unseren Nachbarn umgeschaut haben und uns innerlich gefragt haben: Werden wir dafür jetzt verhaftet werden, dass wir das gehört haben? So war die Situation damals. Und eine ganze Generation mit und nach Schostakowitsch hat das noch nachvollziehen können. Das ist heute natürlich anders. Heute hört man die Bedrückung des ersten Satzes, und Bedrückung ist etwas, das unabhängig ist von der jeweiligen Zeit."

80 Jahre nach der Uraufführung - 45 Minuten Zeitdokument und Bekenntnis gegen Totalitarismus, Unterdrückung und Angst - für Haltung, Mut und Menschlichkeit in einer Zeit, in der wieder viel gejubelt wird. Ein großer Erfolg für die Dresdner Philharmonie und ihren Chefdirigenten beim Konzert in Innsbruck.