"Molto bene", Frau Fischer! - Aram Chatschaturjans Violinkonzert

Martin Bülow, 29. November 2016

David Oistrach war der Solist des Violinkonzerts, das am 16. November 1940 beim Moskauer Festival für Sowjetische Musik seine Uraufführung erlebte. Nicolas Slonimsky erkannte in der Partitur die „orientalischen Elemente der kaukasischen Melorhythmik”, die in den „wehmütig-lyrischen Episoden außerordentlich chromatisch, in den bewusst dramatischen Passagen diatonisch und im tanzhaften Finale orgiastisch” seien. Die Ecksätze sind von berauschender Bewegung angetrieben und unterscheiden sich deutlich von dem Mittelsatz mit seiner einprägsamen Verwendung der tiefen Holzbläser und seiner sehnsüchtig-nostalgischen Traumstimmung.” Der erste Satz ist weit ausschwingend, heroisch und leidenschaftlich. Der zweite ist ein zugleich gesanglicher und romantischer Klagegesang und eine der ergreifendsten Kompositionen Chatschaturjans. Das Finale ist eine virtuose, von wilder Hemmungslosigkeit erfüllte tour de force

  • Udine © Martin Bülow Udine © Martin Bülow
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In frühester Jugend spielte Julia Fischer gleichrangig Violine und Klavier, und auch jetzt noch ist sie gelegentlich in spektakulären Doppelkonzertabenden zu erleben, wo sie in einem Teil Geige, im anderen Klavier spielt.

Dass der mittelalte, männliche Konzertbesucher beim Auftritt von Julia Fischer in Verzückung gerät, ist für mich vollkommen nachvollziehbar. In Udine, einer modebewussten, norditalienischen Stadt, brachen die - sehr geschmackvoll gekleideten - Damen in Bewunderungsrufe vor, während und nach dem Violinkonzert aus. "Molto bene" - da stimmt einfach alles:

Hier gibt es nichts mehr zu besprechen hinsichtlich Intonation, Rhythmus, technischer Schwierigkeiten usw. Das Lebenscredo des 15-jährigen Mädchens im Vergleich zur heutigen Julia Fischer hat sich nicht geändert: Perfekt vorbereitet; Großartig musiziert und ein Spaß an der Arbeit, der alle glücklich macht und mitreißt. Ein wunderbarer Abend. 

Als Julia Fischer mit 15 Jahren ihr Debüt bei der Dresdner Philharmonie - unter der Leitung von Marek Janowski - gab, warf es den Dresdner Konzertbesucher schier aus seinen schwarzen Konzertsocken. Das Mozart-Violinkonzert - wohl das bekannteste Werk der klassischen Violinliteratur - wurde mit einer Kraft, einer inneren Schönheit und einer interpretatorischen Intelligenz dargeboten, die alle Zuhörer unglaublich glücklich machten. 

Nach einem kurzen gemeinsamen Abendessen wurde die kleine Julia damals ins Bett geschickt, da sie am nächsten Morgen 9:30 Uhr in München in der Schule sitzen musste. Die älteren Herren, die noch aufbleiben durften (Marek Janowski und der hochverehrte Münchner Konzertagent Georg Hörtnagel) konnten ihren Stolz kaum verbergen und versicherten sich gegenseitig der unglaublichen Zukunft und Karriere ihrer fantastischen Entdeckung. Recht hatten sie!!

Seit Oktober 2006 als Professorin in Frankfurt und München tätig, spielt sie zwischen 70 und 80 Konzerte im Jahr - als Geigerin. Typisch für extreme Hochbegabungen ist die schwere Entscheidung für eine "Endspezialisierung".

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