Die Lage der arbeitenden Klasse in Manchester

15.10.2015 von Martin Bülow

Als Friedrich Engels im Jahr 1845 die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse in England zur Zeit der frühen Industrialisierung darstellte, gab es noch nicht einmal die Dresdner Philharmonie - ganz dunkle Zeiten. Nach 14 Tagen extensiver Konzerttournee-Tätigkeit ist man - trotz der insgesamt 40 Stunden Busfahrt und 2000 Meilen - an einem freien Tag in Manchester weitaus besser gestellt, als die damaligen Werktätigen in den hiesigen Baumwollspinnereien.

Ich habe den Staatsbürgerkunde- und Geschichtsunterricht der DDR-Volksbildung gehasst. Trotzdem berührt es einen merkwürdig, wenn man in der Bibliothek (Chetham's Library) in Manchester an dem Tisch sitzt, an dem Karl Marx und Friedrich Engels die Grundlagen zum Marxismus/Leninismus des 20. Jahrhunderts zusammentrugen. Das Elend der Lohnarbeiter - die Opfer der ersten industriellen Revolution auf der einen Seite und der Reichtum der Unternehmerfamilie Friedrich Engels auf der anderen Seite - schufen hier die Keimzelle dieser weltumspannenden Weltanschauung, die soviel Hoffnung barg und so viel Elend verursachte.

Die Musikerinnen und Musiker haben sich den heutigen freien Tag - ohne Reise und Konzert - redlich verdient. Nach elf Konzerten in sehr unterschiedlichen Konzerthallen - aber mit gleichbleibendem, großem Erfolg - blicken wir vor allem in Dankbarkeit auf die Konzerte mit unserer Artist in Residence zurück, die gestern ihr letztes Konzert auf dieser Tournee mit uns hier in Manchester gab. Sol Gabetta spielte auch gestern das Elgar-Cellokonzert in gleicher perfektionistischer und mitreißende Art und Weise, wie wir sie schon in Dresden bei unserem Saisoneröffnung-Konzert erleben durften. Der hiesige Konzertsaal - die Bridgewater Hall - gehört zu den besten Konzertsälen dieser Welt, so dass der Abend ein Riesenerfolg für das Orchester wurde.

Karl Halle aus Hagen in Westfalen war Dirigent und Pianist und ließ 1848 Deutschland und seinen Revolutionswirren hinter sich. Mit neuem Namen - Charles Hallé - und großen Plänen kam er über Paris nach England. Er war der Pianist, der die vollständigen Beethoven-Sonaten nach England brachte, persönlich befreundet war mit Chopin und Liszt und 1853 schlussendlich nach Manchester übersiedelte. Die Bourgeoisie von Manchester verfügte in dieser Zeit über die materiellen Mittel, ein Orchester mit einer eigenen Konzertreihe zu unterhalten, was zu dieser Zeit teuer und unüblich war.

Ein weiterer bedeutender Deutscher: Prinz Albert - Gemahl von Königin Victoria - eröffnete 1857 die größte Ausstellung von Kunstschätzen und ermöglichte Charles Hallé sein eigenes Orchester weiter zu entwickeln. Dieses Orchester bildet heute den hochkarätigen Bestandteil des Orchesterlebens in Manchester. In den Industriegebäuden des frühen 19. Jahrhunderts residieren jetzt Versicherungen, Werbeagenturen und Banken. Die Visionen von Karl Marx haben sich nicht erfüllt, das Orchester von Karl Halle aus Hagen ist heute eines der etabliertesten in England - aber alles wird überstrahlt von dem Größten: Ludwig van Beethoven, der mit seiner dritten Sinfonie für unser gestriges Konzert die sinfonische zweite Hälfte lieferte, die alle Zuhörer restlos begeisterte.

Anspielprobe in Manchester ©Martin Bülow

Anspielprobe in Manchester ©Martin Bülow

Anspielprobe mit Sol Gabetta ©Martin Bülow

Anspielprobe mit Sol Gabetta ©Martin Bülow

Signierstunde ©Martin Bülow

Signierstunde ©Martin Bülow