Beethoven und Bier

03. Juli 2015

Von Martin Bülow (Fotos: Nikolaj Lund)

Die "Musashino Civic Cultural Hall" liegt etwa 40 km vom eigentlichen Stadtzentrum der Riesenmetropole entfernt. Hier leben und wohnen sie also, die unzähligen Tokioterinnen und Tokioter, die werktags die Innenstadt bevölkern und früh und abends bis zu zwei Stunden zwischen Wohnung und Arbeitsstätte pendeln müssen.

Am gestrigen Abend haben wir in der ersten Hälfte die 5. Sinfonie und in der zweiten Hälfte die 7. Sinfonie von Beethoven gespielt. Nach dem Chefdirigentenwechsel von Rafael Frühbeck de Burgos zu Michael Sanderling hat sich die Beethoveninterpretation des Orchesters grundlegend geändert. Augenfälliges, äußeres Anzeichen ist die "Nonvibrato"-Kultur der Streicher und das artikulierende Aktzentuieren aller Musikerinnen und Musiker des Orchesters. Die Besetzungsstärke von je zwölf ersten und zweiten Violinen, die sich - wie zwei Flügel (die sogenannte "deutsche Aufstellung") - gegenübersitzen sowie das "Nichtverdoppeln" der Holzbläser führen zwangsläufig zu einem entromantisierten, durchsichtigen Klang. Die großen, berühmten Dresdner Pauken weichen bei unserem Beethoven den noch berühmteren Wiener Kurbel-Pauken, die durch ihren kleineren Kessel zu der - insgesamt - perkussiveren Tongebung beitragen. An der Originalzeit der Kompositionen gemessen saß man in Janowskis Chefzeit nach zwei Beethoven-Sinfonien - unvermuteter Weise - 10 Minuten eher beim Bier, bei Frühbeck und seinen drei Standard-Zugaben 10 Minuten später. Bei Sanderlings spannungsgeladener Interpretation freut sich das Orchester - erschöpft und glücklich - nach der "Daniels"-Originalzeit auch ...

auf's Bier. Also, alles ändert sich zum Glück doch nicht.

Wirkt der Tokioter Stadtteil "Musashino City" beim ersten Eindruck etwas provinziell, so ist beim Blick in den Saal klar, dass sich hier ein äußerst fachkundiges Abonnements-Publikum entwickelt hat. Wird in Japan sowieso nie zwischen den Sätzen applaudiert, bemerkt man schon bei den anwesenden Kindern im Schulalter eine fundierte Werkkenntnis. Der örtliche Veranstalter hat in jahrzehntelanger Arbeit ein Anrechtspublikum erzogen, das die ernsthafte Arbeit, die in beiden Sinfonien steckt, zu würdigen weiß. Große Begeisterung löst immer wieder unser homogener und brillanter Holzbläsersatz aus. Insbesondere beide Solo-Oboisten (Undine Röhner-Stolle und Johannes Pfeiffer) werden wie Solisten gefeiert. Zwei Sinfonien hintereinander an einem Abend sind für das Orchester eine physische und mentale Anstrengung, die nicht zu unterschätzen ist. Andererseits ist so ein Programm natürlich auch die beste Visitenkarte für das hohe Leistungsvermögen der Dresdner Philharmonie im Jahr 2015.

Heute verlassen wir kurzzeitig Tokio um mit dem legendären japanischen Schnellzug nach Nagoya und Osaka zu reisen.