Das Philharmonische Kammerorchester an seinem freien Tag

08.07.2015

Text und Fotos: Martin Bülow

Der große polnisch-jüdische Geiger Szymon Goldberg war von 1925 bis 1929 Konzertmeister der Dresdner Philharmonie. Mit den Mitgliedern der Dresdner Philharmonie bildete er das damalige Simon-Goldberg-Quartett, aus dem später das Streichquartett der Dresdner Philharmonie hervorging. Wilhelm Furtwängler holte ihn 1930 zu den Berliner Philharmonikern und in Berlin spielte er auch die ersten Kammermusiken für die radiophone Öffentlichkeit im Trio mit Paul Hindemith und Emmanuel Feuermann - im gerade entstehenden Medium Rundfunk. Als polnischer Jude erhielt er in Deutschland 1934 Auftrittsverbot und ging nach England. An diesem - mit unserem Orchester verbundenen - Schicksal erfährt man ganz real die unmenschliche, geographische Heimatlosigkeit der deutsch-jüdischen Künstler-Elite während des Faschismus. Von diesem Bruch hat sich die deutsche Kunst- und Kulturrezeption bis heute nicht erholt. Bildende Künstler der Stigmatisierungsschublade "entartete Kunst", Komponisten wie Schönberg, Webern, Zemlinsky und Korngold wurden vertrieben, verloren, zerstört und teilweise vergessen.

Bis 1939 lebte und arbeitete Goldberg in Tremezzo am Comersee, danach war er mit seiner Klavierpartnerin Lilli Kraus kammermusikalisch weltweit unterwegs, wurde auf Java von 1942 bis 1945 von den Japanern interniert und 1953 amerikanischer Staatsbürger. Er unterrichtete an der Aspen Music School, und die folgenden 22 Jahre leitete er das "Nederlands Kamerorkest".

1988 heirate Goldberg die junge Pianistin Miyoko Yamana, und beide übersiedelten 1992 nach Japan, wo Goldberg am 19. Juli 1993 verstarb.

 

 

Die Schüler Goldbergs pädagogischen, späten Schaffens, sind an den Musikhochschulen in Japan wichtige Lehrer für die heranwachsenden Geiger.

Wolfgang Hentrich und unser ehemaliger Kollege Volker Karp waren immer mit seiner Witwe und der Familie in Japan in Kontakt. Regelmäßige Besuche unserer japanischen Tourneekonzerte durch die Familie waren eine wiederkehrende, schöne Geste der Verbundenheit. Für Goldberg waren seine Dresdner Jahre die glücklichsten und unbeschwertesten seines Lebens.

Ein gemeinsames Konzert mit japanischen Studentinnen und Studenten in der Tokio University of the Arts war gestern klingender Höhepunkt einer langen Vorbereitungsphase.

Gestern und damit gleichzeitig wurde in der Universität eine Ausstellung der Szymon Goldberg Library festlich eröffnet.

Johann Sebastian Bachs Doppelkonzert in D-Dur BWV1043 mit Wolfgang Hentrich und Kazuki Sawa als Solisten eröffnete schwungvoll die erste Hälfte - mit Mozarts "Kleiner Nachtmusik" und einer Serenade von Volkmann kam man gut in die Pause.

Nach der Pause füllte sich die Bühne in pultweise japanisch/deutsch gemischter Form. Tschaikowskys Streicherserenade in C-Dur Opus 48 war von einer schwungvollen Homogenität, die man so wirklich nicht erwarten konnte. Mitreißend musiziert und ein großer Abend im Gedenken und in Verehrung von Szymon Goldberg.