Japanische Statistik

6.7.2015

Von Martin Bülow (Fotos: Nikolaj Lund)

Diese Zahlen liegen alle im normalen, europäisch-beruhigenden Statistik-Korridor. Japan ist seit nunmehr über 20 Jahren in einer faszinierend stabilen Dauerkrise, die völlig immun gegen geldpolitische Symptombekämpfung (Gelddrucken und Verschulden) wie aber auch gegenüber dem immer wieder heraufbeschworenen Kollaps ist. Seit der Immobilienkrise in den 80er Jahren hat sich in Japan im Prinzip so gut wie nichts mehr verändert, weder aufwärts noch abwärts. Das BIP verharrt auf hohem Niveau, die Arbeitslosenrate ist dauerhaft niedrig, die Inflationsrate ist trotz offener Geldschleusen gering, einzig der Wechselkurs wurde etwas nach unten gedrückt. Viel wahrscheinlicher als sensationslüsterne Untergangsphantasien ist darum, dass sich daran auch mittelfristig nicht so schnell etwas ändern wird. Japan ist alleine aufgrund der Demographie in einem natürlichen Niedergang gefangen, allerdings dürfte dieser auch weiterhin schleichend und unmerklich vorwärts schreiten. Der große Knall ist angesichts der heutigen Situation hingegen nicht wirklich zu erwarten. Auch wenn das Apokalyptikern nicht gefallen wird.

Die Metropolregion Tokio-Yokohama liegt auf einer Fläche von 13.556 Quadratkilometern an der japanischen Pazifikküste und bildet das wirtschaftliche, politische und kulturelle Zentrum des Landes. Mit mehr als 37 Millionen Einwohnern im Jahr 2014 ist sie die größte Metropolregion der Welt. Die vier Millionenstädte Tokio (mit 23 Stadtbezirken), Yokohama, Kawasaki und Saitama sind die Kernstädte. Die Region besteht aus den vier Präfekturen Tokio, Kanagawa, Saitama und Chiba und dehnt sich neuerdings auch in die Präfektur Ibaraki aus.

Faszinierend an diesem Großraum für den kulturaffinen Dresdner ist, dass nach 80-minütiger Busfahrt und nach dem Abbiegen beim letzten Gemüsehändler eine Konzerthalle aus dem Häusermeer auftaucht, die besser ist als die berühmten Konzerthäuser in München oder Leipzig. Tokio Musashino, Tokorozawa Muse am gestrigen Tag oder Tokio Bunka Kaikan... - alles exquisite Konzerthallen mit eigenen akustischen Timbres und Schwerpunkten.

Auch wenn es in unserer wunderbaren, neuen neoliberalen Welt (herzlichen Glückwunsch an unseren neuen Oberbürgermeister in Dresden) unpassend wirkt: Das berühmte Karl-Marx-Zitat "Das Sein bestimmt das Bewusstsein" ist goldrichtig. In der Weite der Metropole "Großraum Tokio" spielen diese hervorragenden Säle mit angeschlossener Bezirksbibliothek und Räumlichkeiten zur musikalischen Früherziehung eine wichtige gemeinschaftsbildende Rolle.

Das Publikum besuchte gestern schon unsere Anspielprobe und begleitete unser Orchester von der Ankunft am Saal bis zur Abfahrt mit enthusiastischem Dauerapplaus. Am Ende einer so langen, anstrengenden Spielzeit ist die x-te Wiederholung der 1. Sinfonie von Johannes Brahms für jeden Kollegen eine Herausforderung an die eigene Motivation und Einsatzbereitschaft (vor allem am Sonntagnachmittag 15:00 Uhr). Die gestrige Interpretation ließ diesbezüglich keine Wünsche offen. Es war eine der energiegeladensten und mitreißendsten Versionen, die ich je von diesem Orchester gehört habe.

Tourneealltag

  • Ankunft in Tokio Ankunft in Tokio
  • Shinkasen-Station Shinkasen-Station
  • Der Reisebus wartet Der Reisebus wartet
  • Auf dem Weg zum Konzert Auf dem Weg zum Konzert
  • backstage backstage
  • Abstimmung ist wichtig Abstimmung ist wichtig
  • Das Publikum strömt herbei Das Publikum strömt herbei
  • Begeisterte Zuhörer applaudieren Begeisterte Zuhörer applaudieren
  • Die Stimmung ist gut! Die Stimmung ist gut!
  • Bloß nicht den Humor verlieren... Bloß nicht den Humor verlieren...
  • etwas für gute Zähne ... etwas für gute Zähne ...