Tschaikowsky in den USA

02. März 2015, Martin Bülow

Präsident Putin meldete sich in einem Fernsehinterview im September 2013 zu Wort mit dem Spruch: "Man sagt, Tschaikowski war ein Homosexueller. Aber wir lieben ihn nicht deswegen....". Besorgte Mütter erkundigten sich daraufhin an den Theaterkasse, ob die Aufführung von Tschaikowskis "Nussknacker" jugendfrei sei.

Reichlich 140 Jahre vorher rettete sich Tschaikowski mit seinen Rokoko-Variationen gedanklich ins 18. Jahrhundert. Dieses Kabinettstück der Cello-Literatur - welches seinem Interpreten spielerische Brillianz und technische Bravour abverlangen - war seine Huldigung an das verehrte Vorbild Mozart. Auch Tschaikowskys 5. Sinfonie erklang gestern bei unserem zweiten Konzert im Raymund F. Kravis Centre in West Palm Beach. Standard-Literatur und hoch verehrtes Werk in den USA. Michael Sanderling musizierte mit seinem Orchester das Werk mit verhaltenem inneren Pathos - das Ende: Kurzer, heftiger - und wie immer - stehender Applaus, der seitens der Dresdner Philharmonie mit der Polonaise aus der Oper "Eugen Onegin" erwidert wurde. Über das Programm des ersten Satzes der 5. Sinfonie schrieb Tschaikowski: „Introduktion. Völlige Ergebung in das Schicksal oder, was dasselbe ist, in den unergründlichen Ratschluß der Vorsehung" - DAS urrussische Thema.

  • © Nikolaj Lund © Nikolaj Lund
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Das Publikum in Florida besteht aus Nachfahren von früheren, russischstämmigen Einwanderern, aber auch aus verrenteten und ehemals geflohenen Wissenschaftlern aus der ehemaligen Sowjetunion und vereinzelt aus Exil-Kubanern. Das heutige, russlandaffine und amerikaskeptische Verhalten europäischer Politikereliten löst bei diesem Personenkreis erstauntes Kopfschütteln aus. Die Suche nach der starken Zentralfigur, sowie die intellektuelle Lust an totalitären Systemen mit gelenkter Umverteilung hat aus amerikanischer Sicht etwas mit unserer monarchistischen Vergangenheit zu tun. Das hiesige Selbstverständnis: Familien des gehobenen Mittelstandes - welche ohne Diskussion jährlich 100.000 $ für den Erhalt eines Saales oder einer Konzertreihe spenden - demonstrieren vehement gegen eine allgemeine Krankenversicherungspflicht. Dies zeigt die völlig unterschiedlichen Standpunkte bezüglich Eigenverantwortung, Selbstbestimmung und gefühlter "staatlicher Gängelung".

Bei aller Unterschiedlichkeit fällt uns zum Glück der Wortwechsel zum Umzug von Haydn in die Fremde - nach London ein: Auf Mozarts Bedenken, daß er nicht einmal Englisch spreche, erwiderte Haydn: "Meine Sprache versteht man durch die ganze Welt!"