Unterwegs in Südamerika

2. September 2014, Martin Bülow

Als sozialisierter DDR-Bürger 1985 mit der Semperoper in Dresden beschenkt, beschleicht einen beim Betreten des - umfänglich und strahlend rekonstruierten - Teatro Colón ein mulmiges Gefühl. Nach vier Tagen in Argentinien ist jedem Besucher klar, dass im restlichen Land eine dringende Grundsanierung ansteht. Bröckelnde Bürgersteige, kaputte Kanalisation, stillgelegte Bahnlinien und obdachlose Familien auf den Hauptstraßen lassen uns allen zeitweise den Atem stocken. Der medial propagierte Antiamerikanismus und das Zuspitzen von äußeren Konflikten (Rückzahlung von Staatsschulden) - um von inneren Fehlern und Versäumnissen abzulenken - erinnert fatal an die eigene ostdeutsche Geschichte vor der Wende vor 25 Jahren.

Das Publikum der beiden berauschenden Konzertabende im Teatro Colón besteht zu 90 % aus Argentiniern der gehobenen Mittelschicht und diese haben in den Pausen und nach den Konzerten viel zu erzählen: Die argentinische Wirtschaft wird 2014 um 2,5 % schrumpfen, die Geldentwertung dürfte 50 % erreichen. Die Einnahmen aus den Rohstoffexporten (Erze, Metalle, Öl und Gas) sowie aus Agrarprodukten (Soja und Fleisch) schrumpfen - dank der sinkenden Weltmarktpreise. Die argentinische Regierung schüttet aber ungerührt - den Blick starr auf die Wahl in 2015 gerichtet - das Füllhorn der Sozialleistungen und Subventionen weiter aus.

Doch diese Gaben an ihr politisches Klientel werden durch die galoppierende Inflation sogleich wieder zunichte gemacht. Ausländische Investoren werden zunehmend durch Verstaatlichung und Dirigismus verschreckt und verlassen das Land. Eine personelle Alternative zu der amtierenden Präsidenten Christina Fernández de Kirchner ist trotz der Unzufriedenheit nicht in Sicht. Demonstrationen im Stadtzentrum sind täglich sichtbares Geschäft: »Für bessere Arbeitsbedingungen, gegen steigende Kriminalität, für eine bessere Krankenversicherung und höhere Löhne gegen die hohe Inflation und so weiter...«

  • Anspielprobe in Buenos Aires (c) Martin Bülow Anspielprobe in Buenos Aires (c) Martin Bülow

In Zeiten großer politischer Unsicherheit ist der Wunsch nach individueller Zerstreuung hoch - Fußball: Der Argentinier hat uns zum Glück vergeben. Der 13.7.2014 im Maracaná von Rio de Janeiro hat zwar am fußballerischen Selbstverständnis der Argentinier gerüttelt, dem traditionell guten Verhältnisses zwischen Deutschland und Argentinien aber keinen Abbruch getan. "Zum Glück ja nicht die Brasilianer - die sich ja schon für die Weltmeister hielten." - heißt es hier. Fußball ist in Argentinien eine leidenschaftliche und ernste Angelegenheit. Jeder Mann zwischen zehn und hundert hat seinen Club. Die beiden populärsten Vereine in Buenos Aires sind die Fußballklubs Boca Juniors und River Plate. Jeden Sonntag verwandeln die Fans Buenos Aires mit den Vereinsfarben in ein wogendes Fahnenmeer. Dass die Deutsche Nationalmannschaft 2:4 gegen die Gauchos im ersten Länderspiel gestern verloren hat finden wir alle völlig in Ordnung. Das erspart der Welt weitere oberpeinliche Gesänge von Schweinisteiger & Co. - für die Musik zwischen unseren beiden Ländern sind wir zuständig - das Orchester der Landeshauptstadt Dresden.