Salvatore Sciarrino

Composer in Residence 2020|2021

© Luca Carrà/Rai Com

Salvatore Sciarrinos Musik ist unverwechselbar – und das ist in der unübersichtlichen Landschaft der zeitgenössischen Musik eine rare Tugend. Marco Angius, Dirigent und einer der besten Kenner der Musik Sciarrinos, hat die musikalische Poetik des Komponisten in bildhafte Worte gefasst: „Die Tore zur Nacht öffnen sich. Ein fernes Hundegebell, die Grillen. Die Stille, die den geringsten Laut ins Riesenhafte vergrößert. Die Stimmen der Menschen und der Dinge – das ganze Spektrum eines Naturalismus von größter Unmittelbarkeit, die Elemente unserer täglichen Wirklichkeit bis zu den Immissionen des Radios und des Telefons, die uns das Leben schwermachen. Und dann die Explosionen, die zerschmelzenden Metallklänge, die weite Leere, die uns in ihren Griff nimmt. Das Zerbröckeln der Steine, der in den Instrumenten eingeschlossene Schrei der Tiere, der Wind und der Atem. Wir unterscheiden nicht mehr, wer da atmet: Sind wir es? Der Interpret? Wir wachen auf, mitten im Klang, im Zentrum, und nehmen die Welt auf neue Weise wahr.“

Sciarrino wurde in Palermo auf Sizilien geboren und wuchs in dieser mediterranen Landschaft und Jahrtausende alten Kultur auf, die in seiner Musik tiefe Spuren hinterlassen hat. Oft dialogisiert er in seiner Musik mit der Vergangenheit, aber nie im nostalgischen Sinne. Seine Musiksprache ist immer eine heutige, aber man kann den Eindruck gewinnen, dass es ihm nicht um etwas Neues geht, sondern eher um die Freilegung des Urältesten, Vergessenen, Verdrängten. So wundert es nicht, dass Sciarrinos Musik sich oft auf Elemente der Mythologie und auf Motive aus der Kulturgeschichte bezieht, die archetypische menschliche Erfahrungen umkreisen. All diese Aspekte werden in jenen Werken nachzuvollziehen sein, die in vier Konzerten der Dresdner Philharmonie vorgestellt werden.

In „Vanitas. Natura morta in un atto“, einem Stilleben aus Klängen, umkreist Sciarrino das Phänomen der Vergänglichkeit und bezieht sich auf Texte des Frühbarock in einer Musik, die Elemente des Liederzyklus und des Musiktheaters verschmilzt. Mit „Piogge diverse“ (Arten des Regens) heben der Bariton Michael Nagy und die von Marek Janowski geleitete Dresdner Philharmonie ein Auftragswerk aus der Taufe. Die Texte der Gesänge greifen – typisch für Sciarrino – teilweise weit zurück, u. a. auf ein Haiku des japanischen Poeten Matsuo Bashō, auf vom Komponisten bearbeitete Texte von Aischylos und auf eine in Apulien gefundene Inschrift. Im Laufe der Saison werden sodann zwei weitere Werke Sciarrinos in unterschiedlichen Kontexten erklingen: Die „Tre duetti con l’eco“ werden in eine Zeitreise zwischen Moderne und Barock einbezogen und Sciarrinos Zweite Klaviersonate wird zum Ausgangspunkt eines Konzertes, das um Statik und Ekstase kreist.