© Patricia Kopatchinskaja Porträt

Patricia Kopatchinskaja

 

… Am Anfang war der Rhythmus, wird gesagt. Nur, wo fängt der Rhythmus an - in der Regelmäßigkeit? Ist Chaos unregelmäßig? Wenn man in einem Dorf in Moldawien

an einem sommerlichen morgen aufwacht, hört man durcheinanderzwitschernde Vögel, geschäftliche Hahnenschreie, summende Mücken, verschlafenes Bellen der Hunde, müdes Knirschen der alten Türen oder vielleicht übertönen das alles die schweren runden Tropfen eines moldawischen Regens. Und der rote Staub tanzt dazwischen in eigenem Schatten und Licht. Wo ist da der Rhythmus? Woher haben wir abendländische Menschen die Idee von einer sterilen, metronomischen Musik, die immer gleicher und immer perfekter tickt, ohne Agogik und Überraschungen? Höflichkeit und Regeln, die Herrscher über Freiheit und Wahrhaftigkeit.

Für solche entwurzelte Musiker wie mich gibt es eine Heimat nur noch in Erinnerung und Träumen als eine große fruchtbare Wunde. Wie eine kraftspendende Pflanze blüht und blutet es. Nostalgie, Melancholie und Unwiederkehrbarkeit empfindet man nach der Entwurzelung sein ganzes Leben.

Das Rauschen der Herbstblätter, ein Windhauch, das immer näher kommende warme Summen der Großmutter aus dem Jenseits, die tief-schwarze, immer schwangere moldawische Erde mit Ihren Wein- und Sonnenblumenfeldern, das fast hörbare Wachsen der unglaublich schmackhaften Tomaten im Garten, das gedämpfte geheimnisvolle Licht durch die Fenstervorhänge. 

Auch schrille Klänge, Schmerz der Verluste und das Nie-Wieder-Finden hier in der zivilisierten Welt, mit voll geplantem Alltag, pünktlichen Vehikeln, satellitengesteuerten Uhren, gesäuberten Straßen und eleganten Menschen mit strahlenden Zähnen und Zukunftsvorsorgen.

Wo ist meine Heimat? Wo ist der ausgetrocknete Fluss Namens Räut, in dem meine Mutter mit Ihren Brüdern in Ihrer Kindheit noch schwimmen und fischen konnten? Aus den Karpfen und riesigen Hechten, die halb so groß waren wie die Kinder selbst, kochte meine Großmutter köstliche Speisen. Auch der aus dem Zirkus entlaufende Straßenhund an der Leine im Hof bekam seine Portion, ja so groß waren diese Fische, von denen die Menschen rund um den Fluss sich lange ernähren konnten. Bis er fast ausgetrocknet war.

Die lebensfrohen Menschen im Dorf, wo ich aufgewachsen bin, die Kirche mit orthodoxen Gesängen, der mystische Geruch des Weihrauchs, Parlando-rubato des Priesters im goldenen Gewand, der alle Kinder im Dorf und mich getauft hat.

Es ist alles vielleicht noch da und doch ist es für immer verloren.

Diese Splitter, Bilder, Emotionen, die Unfassbarkeit der Vergangenheit finden sich in meiner Wahrnehmung nur noch in musikalischen Formen: in herzzerreißenden Bartok-pizzicati und zerbrechlichen Flageoletts, an der Kante zur Verstummung, da, wo der Klang in dieser Welt aufhört und nur noch das verlorene Echo unser selbst bleibt - in der Stille, im Nichtgesagten - nur Geahntem. Dort ist noch meine Heimat. Und vielleicht die Summe aller Heimatorte zusammen, aller Orte der Menschheit, wohin wir Erdlinge in den weiten dunklen Himmel gesogen werden, um uns auf den Sternen der Einsamkeit niederzulassen.

 

Patricia Kopatchinskaja konzentriert sich darauf, zum Kern der Musik vorzudringen, zu ihrer Bedeutung für uns - hier und jetzt. Mit einer Kombination aus Tiefe, Brillanz und Humor bringt Kopatchinskaja eine unnachahmliche Theatralik in ihre Musik. Von der New York Times als "eine Spielerin von seltener Ausdrucksenergie und entwaffnender Ungezwungenheit, von Laune und theatralischem Ehrgeiz" beschrieben, bringt sie mit ihrem unverwechselbaren Ansatz immer die Essenz des Werks zum Ausdruck, sei es mit einer außergewöhnlichen Aufführung eines traditionellen Klassikers des Violinrepertoires, oder mit einem originellen szenischen Projekt, das sie als experimentelle Performance-Dramaturgin präsentiert.

 

Kopatchinskajas absolute Priorität ist die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts und die Zusammenarbeit mit Komponisten unserer Zeit wie Luca Francesconi, Michael Hersch, György Kurtág, Márton Illés, Esa-Pekka Salonen und Aureliano Cattaneo. Kopatchinskaja leitet szenische Konzerte auf beiden Seiten des Atlantiks und arbeitet mit führenden Orchestern, Dirigenten und Festivals weltweit zusammen. In dieser Saison bringt sie ihr kreatives Potenzial und ihre Vielseitigkeit in exzentrischen Neuinterpretationen und innovativ kuratierten Projekten im Rahmen ihrer Residenzen am Londoner Southbank Centre, am Wiener Konzerthaus und in der Philharmonie Essen ein. Darüber hinaus ist sie Associated Artist des SWR Experimentalstudios, eines der wichtigsten internationalen Forschungszentren im Bereich der elektronischen Musik. Als Artist in Residence leitet Patricia Kopatchinskaja dieses Jahr die Kuratierung des Festivals Golden Decade an der Dresdner Philharmonie. In einer neuen Produktion beim Festival d'Aix-en-Provence ist Kopatchinskaja diese Saison gemeinsam mit der Sopranistin Anna Prohaska im Musiktheaterwerk Kafka-Fragmente von György Kurtág unter der Regie von Barrie Kosky zu erleben. Die Performance erforscht in 40 Miniaturen grenzüberschreitend das Spektrum vokaler und instrumentaler Ausdrucksformen und emotionaler Zustände.

 

Zu den Höhepunkten der vergangenen Saison gehörten Residenzen am Londoner Barbican Centre, bei den Berliner Philharmonikern, dem Orchestre Philharmonique de Radio France und der Elbphilharmonie Hamburg, sowie Kopatchinskajas fortgesetzte Rolle als künstlerische Partnerin der Camerata Bern. Aufsehen erregte ein gewagtes musikalisches Experiment – die Neo-Dada-Opernproduktion "Vergeigt" am Theater Basel. Nach dem internationalen Erfolg ihrer früheren Zusammenarbeit mit dem Mahler Chamber Orchestra - Bye Bye Beethoven - kehrte Kopatchinskaja für die Uraufführung einer neuen Konzertinszenierung mit dem Ensemble zurück - Les Adieux - ein Projekt, das sich mit der rapiden Verschlechterung der Umwelt und dem Verlust der Natur auseinandersetzt. Kopatchinskajas Projekte befassen sich mit der Inszenierung von Musik in zeitgenössischen Kontexten, wie etwa Dies Irae, eine weitere musikalische Reflexion über die wachsende Umweltkrise. Kopatchinskaja tritt auch als Gesangskünstlerin in Ligetis Mystères du macabre oder Schönbergs Pierrot lunaire auf, wo sie die Rolle des Pierrot selbst übernimmt, sowie in ihrem Projekt, das Kurt Schwitters Gedicht Ursonate als Film im Stil des Dadaismus präsentiert.

 

Kopatchinskajas Diskografie umfasst mehr als 30 Aufnahmen, darunter die mit dem GRAMMY ausgezeichnete Aufnahme Death and the Maiden mit dem Saint Paul Chamber Orchestra, ein Projekt, das auch als halbszenisch gefilmte Aufführung mit der Camerata Bern neu aufgelegt wurde. Zu den jüngsten CD-Veröffentlichungen gehören Les Plaisirs Illuminés mit Sol Gabetta und der Camerata Bern, die mit einem Preis des BBC Music Magazine ausgezeichnet wurde, und Le monde selon George Antheil mit Joonas Ahonen (beide bei Alpha Classics). Das Projekt Maria Mater Meretrix mit Anna Prohaska, das das Bild der Frau im Laufe der Jahrhunderte in einem musikalischen Mosaik darstellt, erschien vergangene Saison ebenfalls auf CD. Darüber hinaus war Kopatchinskaja in 2023 auf einer umfangreichen Deutschlandtournee mit Sol Gabetta unterwegs, um das Album Sol & Pat sowie die musikalische Verbundenheit von mehr als zwanzig Jahren zwischen den beiden Künstlerinnen zu feiern.

 

Kopatchinskaja ist humanitäre Botschafterin von Terre des Hommes, dem führenden Schweizer Kinderhilfswerk, und wurde 2017 mit dem Swiss Grand Award for Music des Bundesamts für Kultur der Schweiz ausgezeichnet.