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Sinfonie Nr. 9 „Aus der neuen Welt“

Antonín Dvořák

1. Satz: Adagio – Allegro molto (Langsam – Sehr schnell.)

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Die 9. Symphonie Antonin Dvořáks, genannt „Aus der neuen Welt“, beginnt mit einer fast flüsternden Cellomelodie, die anschließend von einer wehmütigen Flöte wiederholt wird.

1:05 laute Streicher

Nach einem heftigen Ausbruch scheint sich die Musik aufzuheitern. In den Flöten und Oboen entsteht ein swingender, Ragtime-artiger Rhythmus. Die Hörner und tiefen Streicher spielen sogar eine jazzige „Blue Note“.

2:03 Hörner 1. Thema

Die Hörner setzen mit einer lebendigen Melodie ein, die ein unbändiges städtisches Leben wiederzugeben scheint. Ein Jahr vor der Komposition dieser Sinfonie war Dvořák aus Tschechien nach New York gezogen.

3:02 Flöte und Oboe 2. Thema

Volksmusik hatte Dvořák bereits in seiner Heimat gefesselt, und diese Leidenschaft nahm er auch nach Amerika mit. Die flüchtige Melodie der Flöte und Oboe ähnelt zum Beispiel der Musik der amerikanischen Indigenen.

3:58 Soloflöte

Die Flötenmelodie ist eine Bearbeitung des US-amerikanischen Spirituals „Swing Low, Sweet Chariot“. Das Zitat passt wie aus einem Guss zu Dvořáks eigenen Melodien, die wieder erklingen.

4:58 Tutti 1. Thema

Wie üblich in einer sinfonischen Form wiederholt das ganze Orchester die lebhafte Melodie. Trotz aller neuen Anreize in den USA gestaltete Dvořák diese Sinfonie nach klassischer europäischer Art.

6:01 2. Thema in Durtonart

Als Einwanderer schätzte Dvořák den musikalischen Reichtum, den andere Einwanderer aus ihrer Heimat in die USA mitbrachten. Die Flötenmelodie von zuvor klingt hier zum Beispiel wie eine irische Geigenlied.

6:48 übermäßiger Akkord

Ein greller Akkord bricht das Stück quasi auf. Die zwei Hauptmelodien und das Spiritual werden in den Strudel der Orchestergewalt hineingerissen und scheinen sich gegenseitig zu bekämpfen.

7:46 Posaunen 1. Thema (E Moll)

Die eilige Musik verharrt plötzlich auf einem Akkord, der an afroamerikanische Musik –

besonders an Jazz – erinnert. Allmählich gleitet das Orchester in die lebendige Melodie zurück.

8:44 Streicher legato

Dvořák behauptete, in der afroamerikanischen Musik gebe es „alles, was eine großartige, edle Tonkunst prägt“. Deshalb versuchte er dieses Stück mit „der Seele von Spirituals“ zu spicken.

9:25 2. Thema in Durtonart

In New York war Dvořák Präsident der Musikhochschule. Da der Job mit wenig Aufwand verbunden war, konnte er seine Neugierde an der Musik der „neuen Welt“ nach Herzenslust sättigen.

10:10 Tutti

Das ganze Orchester spielt knallhart einen jubelnden, brillanten Akkord. Mit schwungvollen Wiederholungen lebhafter Melodien aus dem ganzen Satz zieht Dvořák dessen Schlussstrich.

2. Satz: Largo (Breit, getragen)

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Das Largo beginnt mit einem Bläserchor. Die ungewöhnliche Folge von Akkorden, die die Atmosphäre für diesen verträumten, langsamen Satz angibt, erinnert an Spirituals.

0:49 Melodie Englischhorn

Das Englischhorn spielt die liedartige Melodie kräftig und melancholisch gleichermaßen. Sie ist ein amerikanischer „Klassiker“ geworden, seit ein Schüler von Dvořák den Text „Goin‘ Home“ dazu schrieb.

1:49 Wiederholung Melodie

Dass diese Melodie so populär geworden ist, kommt daher, dass sie wehmütig und hoffnungsvoll zugleich klingt. Sie verbindet ein Kirchenlied und ein Volkslied mit einer melodiösen Ballade.

2:42 hohe Holzbläser

Flöten, Oboen und Klarinetten wiederholen die Eröffnungsakkorde, ähnlich wie die hohen Register einer Orgel. Hörner und Pauken stimmen ein, es kommt zu einem kurzen, aber gedämpften Ausbruch.

3:18 Melodie Streicher

Offenbar wusste Dvořák den „Geist der Spirituals“ so gut zu fassen, dass die Text-Version dieser Melodie oft zu Unrecht als ein traditionelles Spiritual bezeichnet wird.

4:22 Englischhorn

Dvořáks 9. Symphonie hat bereits bei der Uraufführung enormen Eindruck hinterlassen. Die New York Times lobte die Tatsache, dass der Komponist „die Merkmale der schwarzen Musik völlig beherrscht“.

5:35 Flöte und Oboe

Eine neue Melodie zeichnet sich durche eine bedrückte, fallende Bewegung aus. Sie klingt etwas weniger „amerikanisch“ als die vorherige. Klingt hier ein Schatten von Dvořáks Heimweh durch?

6:37 Flöten und Oboen

Ab und zu erklingt durch die klagende Melodie ein Triller der Violinen, fast wie ein frostiger Lufthauch. Die gezupften Saiten der Kontrabässe begleiten die Melodie wie vorsichtige Schritte durch eine raue Landschaft.

7:31 Klimax, hohe Flöten

Kurz schwellen die Violinen und Flöten an, kehren aber gleich zu ihrem Schreiten zurück. Ein leiser und trostloser Chor der Violinen und Bratschen verschwindet langsam in der Düsternis der Nacht.

8:12 tiefe Melodie Violinen

Die Violinen, begleitet durch fast unhörbare Klarinetten, setzen die traurige Nachtmusik mit einer schleppenden Melodie fort. Die Celli trillern dazu unheilverkündend.

9:26 Oboe Solo

Nun scheint die Sonne wieder durchzudringen. Die Oboe imitiert, gemeinsam mit Klarinetten und Flöten,  Vogelgesang. Triumphierend spielt das ganze Orchester Melodien des ersten und zweiten Satzes dieser Sinfonie.

10:27 Englischhorn zurück

Das Englischhorn wiederholt die Anfangsmelodie. Dieses Instrument erinnerte Dvořák an die Stimme seines Freundes Harry T. Burleigh, einen der ersten schwarzen, klassischen Baritone.

11:16 Stille mitten in der Melodie

Die Streicher dünnen immer weiter aus. Erst bleiben Paare über, zuletzt spielen nur noch ein paar Solist:innen die Melodie. Unerwartet tauchen Löcher auf, als ob die Musiker:innen plötzlich zweifeln.

11:57 alle Streicher

Alle Streicher spielen wieder mit, als ob sie ihre vereinsamten Kameraden bestärken wollen. Durch die Subtilität seiner Instrumentation scheint Dvořák zu Eintracht und Verbundenheit aufrufen zu wollen.

13:16 Blechbläser und Fagotte

Die demütigen, fremden Klänge vom Beginn kehren noch einmal in den Blechbläsern und Fagotten zurück. Aus diesem tiefen Klang steigt langsam eine Linie auf. Dvořák beschließt den zweiten Satz mit erhabener Ruhe.

3. Satz: Scherzo. Molto vivace. (Sehr lebhaft.)

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Nach der Sanftheit des Largo beginnt das Orchester mit dem feurigen dritten Satz, der sich deutlich auf das düstere Scherzo aus Beethovens berühmter 9. Symphonie bezieht.

0:39 tiefe Streicher (Iteration)

Die begeisterte Feierstimmung dieses Satzes entspringt dem Epos „Das Lied von Hiawatha“ des US-amerikanischen Dichters Longfellow, in dem er die heißblütigen Tänze amerikanischer Indigener beschreibt.

1:20 Oboen und Flöten

Die Oboen und Flöten spielen eine ruhigere Melodie, die der Volksmusik weißer Amerikaner ähnelt. Über dem hüpfenden Rhythmus klingt sie fast wie die Musik eines Western-Soundtracks.

2:04 Tutti 1. Thema

Der Tanz gerät wieder in einen rabiaten Rausch, aber bald löst sich das Fest auf in ein mysteriöses Zwischenspiel. Indem sie allmählich schwinden, verschmelzen die flüchtigen Melodiefragmente.

2:40 Holzbläser

Dieser lockere Walzer ist die „europäischste“ Musik der ganzen Sinfonie. Ein zeitgenössischer Kritiker meinte, Dvořáks Musik klinge trotz neuer amerikanischer Einflüsse noch immer sehr böhmisch.

3:36 Violinen Walzer

Ein starker Kontrast, wie zwischen diesem Walzer und dem hitzigen Tanz, ist charakteristisch für einen dritten Satz. Ein ruhigerer Teil, das „Trio“, formt das Gegenstück zum fiebrigen „Scherzo“.

4:22 Oboe 1. Thema (Iteration)

Der lebhafte Tanz kehrt wieder zurück. Dvořák behauptete, die afroamerikanische und indigene Musik sei „praktisch identisch“ und ähnelten beide der schottischen Volksmusik, die er bewunderte.

5:25 Violinen 1. Thema

Nachdem der wilde Tanz noch einmal laut aufflackert, klingt im Nachspiel plötzlich die lebendige Melodie des ersten Satzes. Die Musik erlischt langsam, um trotzdem mit einem kräftigen Knall zu enden.

4. Satz: Allegro con fuoco (Schnell, feurig.)

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Stürmische Streicher beginnen den vierten Satz anfangs zögernd, dann aber immerzu hastiger. Aus ihrer aufpeitschenden Wiederholung geht eine majestätische Melodie von Hörnern und Trompeten hervor.

0:57 Tutti 1. Thema

Das ganze Orchester trägt diese strahlende, auch wieder folkloristisch klingende Melodie vor. Dvořák transformiert sie anschließend zu einem schwungvollen Geigenrhythmus.

1:58 Klarinette 2. Thema

Die Klarinette spielt mit samtigem Klang eine sanfte zweite Melodie. Ab und zu wird ihr Spiel von lebhaft hüpfenden Celli und düsteren Paukenschlägen gestört.

2:58 Violinen Melodie

Die fröhliche Melodie der Geigen und Holzbläser schwebt über dem Orchester. Aus dieser glückseligen Musik scheint Dvořáks „Entzückung“ über seine neue Umgebung – Amerika –herauszuklingen.

3:38 Violinen Tremolo

An dieser ruhigeren Stelle verweben sich die majestätische Anfangsmelodie und die Leichtfüßigkeit der zweiten Melodie. Freude wechselt sich mit einem schwachen Gefühl der Bedrohung ab.

4:34 Bratschen 1. Thema

Erinnerungen an die ganze Sinfonie fließen vorbei. Die liedartige Melodie des zweiten Satzes erklingt in den Flöten, die Violinen unterbrechen sie schelmisch mit dem Tanzrhythmus des dritten Satzes.

5:46 Horn 1. Thema laut

Noch kräftiger als am Anfang präsentieren die Hörner und Trompeten ihre Melodie, von beißenden Schlägen des ganzen Orchesters unterstützt. Die Klimax scheint das Orchester aber zu ermatten, und die Musik schwächt sich ab.

6:52 tiefe Violinen 2. Thema

Dvořák forderte amerikanische Komponisten in einem Artikel auf, afroamerikanische Musik zu akzeptieren. Obwohl viele den Aufruf kritisierten, regte er Komponisten wie Anton Farwell zu einer „progressiven Strömung“ an.

7:34 Flöten und Klarinette Melodie

Die bewegten Wellen der Celli und Bratschen sowie, etwas später, das nasale Murmeln der Fagotte stören die bezaubernde Melodie der Flöten und Klarinetten.

8:21 Fagotte Melodie des 1. Satzes

Fetzen von Musik aus der ganzen Sinfonie erklingen. Ein „New York Times“-Kritiker lobte Dvořáks Fähigkeit, seine Melodien zu einer „symmetrischen, fesselnden und kräftigen Einheit“ zu schmieden.

9:22 Klarinetten

Nach einer kurzen Unterbrechung durch die Klarinetten, spielen die Streicher großartig und heroisch die Anfangsmelodie. Es klingt, als habe dieses Stück einen starken Einfluss auf Western-Soundtracks ausgeübt.

10:04 E Dur

Die bitterlichen Akkorde des zweiten Satzes erklingen grandios im Blech. Das Orchester beginnt zu beschleunigen und führt die Sinfonie zu ihrem prunkvollen, jedoch ungestümen Ende.

Text: Rick van Veldhuizen