App-Texte

Hier finden Sie die Texte aus der App untereinander aufgelistet. 

TAR – For Petra

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Geheimnisvoll schwebend beginnt „For Petra“ mit sphärischen Klängen von Streichern und Hörnern. Nacheinander erklingen verschiedene Haltetöne, die lauter werden und wieder verblassen.

1:05

Plötzlich treten Altflöte, Englischhorn und Klarinetten mit einem dreitönigen Motiv hinzu, das im gesamten Stück immer wieder wiederholt wird. Die Streicher kreiseln unaufhaltsam in die Tiefe.

2.30

Die Musik stammt aus dem 2022 gedrehten Hollywoodfilm „TÁR“, einem Drama um die fiktionale Dirigentin Lydia Tár, die als erste Frau Chefdirigentin eines großen deutschen Orchesters wird.

3.10

Im Film sieht man Lydia Tár an einer eigenen Komposition arbeiten: „For Petra“. Die Namensgeberin ist ihre Adoptivtochter Petra – die einzige Person, zu der Tár eine aufrichtig emotionale Beziehung hat.

3.50

Die Musik kommt zum Stillstand. In die Stille hinein setzen die Holzbläser mit einer Variation des dreitönigen Motivs ein. Die schleifenden Klänge der Streicher kriechen erst auf-, dann abwärts.

5.10

Teile der Dreharbeiten zu „TÁR“ fanden im September 2021 in Dresden statt – im Konzertsaal des Kulturpalasts und mit der Dresdner Philharmonie als Orchester.

6.05

Gespielt wird die Dirigentin von Cate Blanchett, die über die Arbeit mit dem Orchester sagte: „Es war eine lebensverändernde Erfahrung zu hören, wie dieser Klang zu mir zurückschallte.“

6:55

Unerwartet schwillt die Lautstärke noch einmal an, bevor „For Petra“ langsam verklingt. Für die Komponistin Hildur Guðnadóttir soll es „dieses gewisse Etwas haben, das in dein Unterbewusstsein dringt“.


Text: Klara Schneider

Sibelius – Sinfonie Nr. 2 in D-Dur

1. Allegretto – (recht schnell und heiter)

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Mit einer hoffnungsvollen, aufsteigenden Melodie beginnt der finnische Komponist Jean Sibelius seine Zweite Sinfonie, die er 1902 schuf. Alsbald antwortet eine pastorale Melodie in den Oboen und Klarinetten.

1:04 Stille, dann Flöteneinsatz

Nach einigen zaghaften, unvollendeten Melodieeinsätzen tritt ein Moment der Stille ein. Die Stimmung ist nun düsterer. Ein gedämpfter Flötentriller weicht einer einsamen, ätherischen und erneut unvollendeten Melodie der Violinen.

1:52      Einsatz Thema Holzbläser

Die Zweite Sinfonie, wie auch Sibelius’ vorangegangenes Orchesterwerk, die Finlandia, wird oft mit der finnischen Identität assoziiert. Dabei begann die Arbeit an dieser Sinfonie während eines Aufenthalts an der italienischen Küste.

2:34      Holzbläser nach Streicher-Pizzicati

Wir hören einen befremdlichen Aufbau von gezupften Streichern, bevor die Bläser ein schwankendes Motiv mit einem Triller spielen. Es ist, als wären die Melodien und alle musikalischen Gebärden auf der Suche nach einer Identität.

3:28      Einsatz Solo Oboe

Eine einsame Oboe wiederholt das Trillermotiv. Hier beginnt die sogenannte Durchführung, in der Sibelius die bisherigen Motive verarbeitet und die Verbindung zwischen den Melodien verdeutlicht.

4:38      Pauken

Das Ganze erlischt in einem bedrohlichen Paukenrhythmus, aus dem sich Variationen zu der aufsteigenden Anfangsmelodie entwickeln. Alle bisherigen Fragmente kommen zusammen und bauen sich zu einem dramatischen Höhepunkt auf.

5:54      Großer Tutti-Akkord in Moll

Die anfängliche Hoffnung scheint verflogen. Diese Sinfonie wird aufgrund ihres erzählenden Charakters oft mit dem finnischen Unabhängigkeitskampf gegen die russische Herrschaft assoziiert.

6:31      Lautstarker Höhepunkt Trompeten

Manche nennen dieses Werk auch die „Befreiungssinfonie“, obwohl Sibelius hiermit kein politisches Ansinnen verfolgte. Zu einer solchen Deutung hat möglicherweise das Gefühl der Hoffnung beigetragen, das diese dichten Akkorde vermitteln.

7:08      Streichertriller und Blechbläserfanfare

Die Blechbläser spielen eine Fanfare, die an Sibelius’ populärstes Werk erinnert, die Finlandia. Diesmal allerdings klingt die Fanfare unruhig durch die trillernden Streicher im Hintergrund und den ausbleibenden Höhepunkt.

7:45      Wiederkehr erstes Thema

Die Holzbläser spielen wieder das pastorale erste Thema, greifen aber auch Fragmente der anderen Melodien dieses Teils auf, oft in Gegenrhythmen zu den Streichern und Hörnern.

8:41      Holzbläser nach Streicher-Pizzicati

Die einzelnen Melodien kehren allesamt wieder. Sie scheinen sich kurz zu einem gewaltigen Höhepunkt aufzubauen, doch der Satz endet, wie er begann, mit wiegenden, ausklingenden Streichern.

2. Tempo andante – ma rubato  (ruhig gehend – doch frei im Vortrag)

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Ein Paukenwirbel eröffnet den zweiten Teil, gefolgt von gezupften Violoncelli und Kontrabässen, wie der Gang einer düsteren Gestalt auf Holzboden. Dieses düstere Umherschreiten dauert eine Weile an.

1:05 Einsatz Fagotte

Ein Thema, das Sibelius als „luguber“ (düster) bezeichnet, setzt in den Fagotten ein. Sibelius scheint diesen Teil als eine Begegnung zwischen Don Juan und dem Tod verstanden zu haben, dessen düstere Musik in den Fagotten erklingt.

1:54 Hörnerruf

In diesem Kontext klingen die Hörner wie die Trompeten, die das Jüngste Gericht verkünden. Sie setzen etwas in Bewegung: eine Gegenmelodie in den Oboen und Klarinetten, während das Tempo anzieht.

3:09 Schnelleres Tempo, Violinen

Unruhig spielen die Violinen schnelle kleine Melodien, oft mit einer Antwort der Holzbläser. Dieses Katz- und Mausspiel führt jeweils zu größeren Akkorden der Blechbläser, die dem Spiel schließlich ein Ende bereiten.

3:59 Melodie in den Blechbläsern

Hören wir einen Todeskampf? Die Blechbläser spielen nun große Akkorde, die beinahe zu einem schmerzhaften Getöse anschwellen und dann zu fast unhörbar sanften Stimmen abklingen, bis sie in einem letzten Paukenwirbel absterben.

4:50 Zweites Thema Streicher

Das zweite Thema, das wir hier hören, annotierte Sibelius mit „Christus“. Zunächst klingt die Melodie unbeschwert und zart, nach der Düsternis, die der Hörer soeben erlebt hat.

5:47 Thema Bläser und Streicher

Das Orchester setzt jetzt gemeinsam ins zweite Thema ein, doch unterschwellig brodelt eine Unruhe in den Violinen. Schon bald türmt sich das Ganze stürmisch auf.

6:26 Begleitung Violinen

Die Melodie, die zu Beginn von den Fagotten getragen wurde, kehrt nun in der Trompete und danach in der Flöte wieder. Alle Melodien sind miteinander verwoben, wie es bereits im ersten Teil der Fall war.

7:12 Einsatz Oboe und Klarinette, Beschleunigung

Die düstere Melodie erklingt in einem  flotteren Tempo und lässt die Stimmung in schnellen Schritten ansteigen. Die Musik ist fast filmisch, als spielte sich ein spannender Kampf ab.

8:32 Steigende Streicher, Blechbläserakkord

Dieser Satz mutet wie ein konstantes Durchwirken bestimmter Elemente an. Wir hören wiederum das Katz- und Mausspiel, bei dem die Violinen den Bläsern auf den Fersen folgen. Und auch hier mündet das Spiel in unerbittlich harten Blechbläsern.

9:42 Wiederkehr zweites Thema

Das zweite Thema erklingt nun in Moll, unsanft, als habe es unter der soeben erlittenen Gewalt Schaden genommen. Sibelius führt seine Melodien wie Figuren auf, mit verschiedenen Emotionen.

10:22 Dur-Akkord, Pizzicati

Wir sind wieder in Dur angekommen, hören aber erneut düstere Schritte. Sibelius verbindet bereits das Material dieses Teils miteinander, wodurch alle Melodien organisch zusammenkommen.

11:19 Hohe Flöten

So schrieb Sibelius über das Komponieren:„[Es] ist, als habe der Allmächtige die Scherben eines Mosaiks auf den Boden geworfen und mir die Aufgabe erteilt, es wieder zusammenzufügen“.

12:15 Tutti absteigendes Motiv

Das zweite Thema scheint kurz im gesamten Orchester wiederzukehren, doch es kommt ganz anders. Unruhige Streicher unterbrechen es. Fragmente des „lugubren“ ersten Themas kehren wieder.

13:14 Wiederkehr Pizzicato

Dass Sibelius „Christus“ zu diesem Teil notierte, wird allerdings mit dem Ende assoziiert, bei dem die Melodien erst fragmentiert sind und absterben, bevor sie wieder anschwellen und somit wiedergeboren werden.

3. Vivacissimo (äußerst lebendig) / 4. Finale – Allegro moderato (mäßig schnell)

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Dieser schnelle Teil, ein „Scherzo“ (Scherz, Spaß), springt los wie ein Pfeil von der Sehne. Der italienische Einfluss ist hier deutlich zu hören. Dieser Teil erinnert an den wilden italienischen Volkstanz Tarantella.

0:58 Melodie Fagotte

Ab und zu treten in dieser Unruhe Melodien hervor. Schon bald baut sich ein lautstarker, stürmischer Höhepunkt auf, der jedoch schnell zu vereinzelten, fast unhörbaren Paukenschlägen abklingt.

1:38 Melodie Oboe

Die Unruhe weicht einem sogenannten Trio, einem süßen, heiteren Mittelteil, der an ein italienisches Volkslied erinnert. Sollte es in diesem Werk tatsächlich um den Kampf der Finnen gehen, ist die Bekümmernis hier zumindest vorübergehend verflogen.

3:03 Unterbrechung Blechbläser

Die Blechbläser lassen das Trio schlagartig abbrechen. Wie so oft in einer Sinfonie wird hier ein schnelles Scherzo mit einem ruhigeren Trio kombiniert, zwei Elemente, die einander organisch ausbalancieren.

4:31 Akkord Hörner, Fagotte

Statt spannungsgeladener Paukenschläge geht es hier direkt in ein süßes, melancholisches Trio über. Die Oboe ist das bevorzugte Instrument, um eine Melodie bittersüß zu Gehör zu bringen.

5:27 Blechbläserakkord, Streichermotiv

Die Unruhe aus dem „Scherzo“ scheint sich kurz auf das Trio zu übertragen, doch Sibelius baut hier bereits an einem Höhepunkt. Ansteigende Melodien, wie im ersten Satz, gehen auf ihrem Höhepunkt in den vierten Satz über.

6:14 Melodie Violinen

Zu Beginn des vierten Satzes scheint es, als fänden die Dinge nach Wirren und Wendungen zueinander. Als hätte Sibelius den fehlenden Stein seines „himmlischen Mosaiks“ gefunden.

7:00 Tutti, Melodie Violinen

Die Melodie, die den Teil eröffnete, klingt beschwingt und frei. Sibelius fügt hier verschiedene Melodien aus den vorigen Sätzen ein. Es klingt wie die abschließende Synthese des gesamten Materials, von Italien bis Finnland.

8:16 Tiefe Streicher

In den tiefen Streichern setzt eine unruhige Begleitung ein. Ist es wieder der Tod aus dem zweiten Satz, der hier anklopft? Klagende Bläser spielen eine düstere Melodie. Die Freude ist eine Weile wie erstickt.

9:42 Einsatz Blechbläser

Sibelius scheint beim Aufbau dieser Sinfonie vor allem Inspiration bei seinem großen Vorbild Beethoven gefunden zu haben, dem ersten, der die Form der „klassischen“ Sinfonie mit persönlichem Ausdruck veredelte.

11:00 Melodie in den Violoncelli

Alle Instrumente bis auf die düsteren Violoncelli fallen weg. Sibelius baut eine allmähliche, unstete Beschleunigung auf. Den Hörer soll das unablässige Gefühl überkommen, die Sinfonie „ringe mit dem Tod“.

12:24 Diminuendo, Melodieaufbau in den Bläsern

Der Kampf bringt uns jeweils zurück zu der üppigen Melodie. Bei einer starken, emotionalen Melodie wie dieser wundert es nicht, dass seine Zeitgenossen die Sinfonie mit ihrem Ehrgefühl und Nationalstolz verbanden.

13:43 Aufsteigender Lauf in den Streichern

Dieser Teil ist ein sogenanntes Rondo: Die Melodie kehrt refrainartig wieder, wird aber von fremden Elementen unterbrochen. Die Wiederkehr fühlt sich somit immer triumphaler an.

14:51 Tiefe Streicher

Die klagende Unterbrechung in Moll kehr wieder. Der finnische Dirigent George Schnéevoight, der an den patriotischen Gedanken hinter dieser Sinfonie glaubte, sah hierin einen Ausdruck von Unterdrückung.

16:10 Flöte spielt die Läufe mit

Es wirkt, als kämpften mehrere Mächte miteinander. Die Frage, ob es tatsächlich der Kampf gegen die russische Unterdrückung ist, bleibt ungeklärt.

17:44 Einsatz Posaunen

Immer wieder bricht eine triumphierende Stimme durch, wie hier in den Posaunen, die uns zu einer massiven, majestätischen Version der Hauptmelodie in den Fagotten und Violoncelli zurückführen, die langsam ansteigt.

18:41 Einsatz Trompeten, Oboen

Die Melodie, gespielt von Trompeten und Oboen, klingt wie ein feierliches Lied, umringt von einem jubilierenden, freudesprühenden Orchester. Womit Sibelius auch immer gekämpft hat, der Triumph ist vollkommen.