App-Texte

Hier finden Sie die Texte aus der App untereinander aufgelistet. 

Peter Tschaikowski

Sinfonie Nr. 6 h-Moll op. 74 „Pathétique“

1. Satz: Adagio - Allegro non troppo

00:00
Tschaikowski beginnt seine sechste Sinfonie aus dem Jahr 1893 mit den tiefen Registern des Fagotts. Die Basspartie verteilt er anders als gewöhnlich: Sie erklingt nicht nur in einer, sondern gleich in mehreren Instrumentengruppen.

01:00
Leidenschaft und Enttäuschung stehen im Mittelpunkt von Tschaikowskis letztem Werk. Die genaue Auslegung des Werkes ist Nahrung vieler Spekulationen, genau wie Tschaikowskis Tod kurz nach der Uraufführung.

01:55 Schnelleres Tempo
Das Tempo wird schneller und die Streicher spielen das Hauptthema. Die Melodie ergibt sich direkt aus dem Motiv, mit dem das Fagott die Sinfonie eröffnet hat.

02:37 Aufsteigende, dann absteigende Tonleiter
Mit den vielen Tonleitern, wie sie hier zu hören sind, schmiedet Tschaikowski dieses Werk, das voller Kontraste steckt, auf schlaue Weise zu einer Einheit. Dirigent Leonard Bernstein nennt es „die Bruderschaft der Themen“.

03:13 Absteigende Melodie
Die Holzbläser, erst die Klarinetten, danach die Oboen, spielen eine absteigende Melodie, die durch die Streicher abgeschlossen wird. Dieses kontinuierliche Abwechseln der verschiedenen Instrumentengruppen ist typisch für Tschaikowski.

04:39 singend-zartes Thema
Jetzt hören wir das zweite Thema, eine der bekanntesten Melodien Tschaikowskis. Die berühmte Blumenarie aus der Oper „Carmen“ inspirierte ihn zu diesem zärtlich, melodiösem Thema.

05:40 Flötensolo und Tonleitern
Die vielen Tonleiter, die Tschaikowski benutzt, beeindrucken seinen Kollegen Gustav Mahler nicht: „Sie können einen über die Erfindungslosigkeit und Leere nicht hinwegtäuschen.“, so sein hartes Urteil.

06:30
Tschaikowski starb an Cholera. Das bizarre Gerücht, dass er mit Absicht ein Glas verseuchtes Wasser trank, führte zu der unglaubwürdigen Interpretation, dass dieses Werk sein musikalischer Abschiedsbrief sein soll.

07:09 Geigen wieder singende Melodie
Manche Kritiker:innen sehen Tschaikowskis angebliches Ringen mit seiner Homosexualität als Schlüssel zu diesem Stück. Oder sind die sehnsüchtigen Melodien, die jetzt erklingen, ein universeller Klagegesang auf die Liebe?

08:00
Die eigenen Worte des Komponisten geben keinen Aufschluss über das Programm dieser Sinfonie: „Mögen sie sich nur die Köpfe zerbrechen über ein Programm, das für alle ein Rätsel bleiben soll.“ Und so geschah es.

08:49 Klarinetten-Solo
In diesem Klarinettensolo fällt die Melodie über zweieinhalb Oktaven ab. Das Solo endet tief und so leise wie möglich: 'ppppp' (pianississississimo) gab der Komponist als Dynamikbezeichnung an.

09:36 Ganzes Orchester sehr laut: Allegro
Eine neue Passage beginnt: Aus dem mäuschenstillen 'pianississississimo' bricht das gesamte Orchester in ein sehr lautes ‚fortississimo‘ aus. Keine der anderen Sinfonien von Tschaikowski kennt solch starke Kontraste.

10:42 Kurze Requiem-Melodie der Posaunen
Die Kritiker, die in diesem Werk eine Todesnachricht sehen, finden hier eine Anweisung. Diese Posaunenmelodie, aus sieben Noten bestehend, stammt aus einem Requiem: „Mit den Heiligen lass ruhen, Christus, die Seelen deiner Diener.“

11:34 Bedrohlich aufsteigende Melodie bei den Streichern
Über Depressionen wurde zur Zeit Tschaikowskis nicht gesprochen. Auf die Frage, ob er ein Requiem für einen Verstorbenen schreiben würde, antwortete er, dass er „nicht in der Stimmung sei so etwas zu komponieren.“

12:30 Schmetternde Trompeten
Tschaikowskis Briefen, in denen er über seine Arbeit an dieser Sinfonie schreibt, kann man entnehmen, dass er nie so zufrieden und mild gestimmt gewesen ist wie beim Schreiben seines traurigsten Werks.

13:30 Majestätische Melodie
Der ursprünglich russische Titel dieser Sinfonie – „Patetitčeskaja“ – wäre vielleicht besser mit „leidenschaftlich“ als mit „Pathétique“ übersetzt worden, was auch die nun erklingende Melodie bestätigt.

14:27 Zweites, liebliches Thema
Tschaikowski betont die erneute Rückkehr zum zweiten, lieblichen Thema mit einer Pause. Einige Kritiker:innen betrachten die einzelnen Passagen dieses Werks darum mehr als lose miteinander verbundene Teile.

15:40
Tschaikowski kam zur Uraufführung der Sinfonie am 28. Oktober 1893, die er selbst dirigierte, gut gelaunt in Sankt Petersburg an. Das Orchester äußerte sich nicht so begeistert wie der Komponist selbst.

17:05 Blechbläser-Choral
Die gezupften Saiten (pizzicato) der Streicher, die die erhabenen Blechbläser begleiten, gehen in die Tiefe. Diese Art fallender Figuren gebrauchte Tschaikowski auch in seinen Opern vielfach als Zeichen von Verdruss.

2. Satz: Allegro con gracia
 

00:00
Der zweite Satz ist ein Walzer in einer ungewöhnlichen Taktart: in fünf Vierteln, statt wie üblich in drei Vierteln. Ein ähnlicher Walzer findet sich auch in Tschaikowskis '18 Klavierstücken‘, ebenfalls aus dem Jahr 1893.

00:50
Tschaikowski war ein Meister des Walzers. Die Atmosphäre erinnert an seine Ballette, wie z.B. an den bekannten Blumenwalzer aus „Der Nussknacker“. Aber auf diesen langsamen Walzer zu tanzen ist unmöglich.

01:43 Zupfende Streicher
Auch in diesem Satz macht der Komponist kreativen Gebrauch von Tonleitern: Man hört, wie die gezupften Saiten der Streicher (pizzicato) begleitend eine schnelle Tonleiter spielen.

02:36 Paukenschlag auf jedem Takt
Der Mittelteil, das so genannte 'Trio', kontrastiert mit dem leichten Beginn dieses Satzes. Wie ein Herzschlag klingen die Pauken auf jedem Schlag, wobei dieses Herz gelegentlich kräftiger schlägt.
 

03:30
Diese Sinfonie folgt einer Blaupause, bei der, so Tschaikowski, „die Essenz das Leben ist. Erst voller Tatendrang, dann Liebe, Enttäuschung und zum Schluss das Wegsterben.“ In diesem Satz erklingt die Liebe.

04:50 Melodie vom Anfang
Das hämmernde Herz aus dem Trio ist nicht länger zu hören. Wir kehren zurück zum Anfang des Satzes und der Walzer geht weiter.

06:00 Gezupfte Tonleitern
Anders als üblich war Tschaikowski sehr zufrieden mit diesem Werk: „Ich war noch nie im Leben so zufrieden mit mir, so stolz, so glücklich im Bewusstsein, ein gutes Werk geschrieben zu haben.“

06:54
Wieder setzt Tschaikowski Tonleitern auf erfinderische Art und Weise ein: steigend bei den Streichern und fallend in den Holzbläsern. Zum Schluss hören wir die sich reibende Melodie des Trios ein letztes Mal.

3. Satz: Allegro molto vivace
 

00:00
Auf den Walzer des zweiten Satzes folgt ein Marsch. Dieser lebhafte Satz (Allegro) beginnt mit einer andauernden, aufgeregten Bewegung, einem 'moto perpetuo', in den Streichern.

01:20 Markanter Rhythmus: Rum tum-ti Tum tum
Ein auffallender Rhythmus – Rum tum-ti Tum tum – wird dominant und unterstreicht den Marschcharakter.
 

01:49 Klarinetten-Solo: zweites Thema
Die Klarinette lässt das leichtfüßige zweite Thema erklingen. Die Melodie klingt zufrieden, fast vergnügt. Vielleicht ist die Sinfonie weniger tragisch, als oft vermutet wird?

02:56 Wiederholung des zweiten Themas Klarinette
Anders als es bei seiner launischen Art oft der Fall war, hatte Tschaikowski auch nach der Uraufführung eine positive Meinung von seinem Werk. Das Publikum hob sich seine ekstatischen Reaktionen bis nach seinem Tod auf.

04:10
In der vierten und fünften Sinfonie von Tschaikowski wird das Schicksal letztlich besiegt. In dieser sechsten kommt es dagegen nie echt zu einem Kampf. Das Schicksal scheint unvermeidlich.

05:00 Musik schwillt an und entspannt sich wieder
Immer wenn es den Anschein hat, dass der Triumph durchbricht, so wie hier, wird der Kopf eingezogen. Es schimmert Enttäuschung hindurch, genauso, wie es Tschaikowski in seinem früheren Entwurf beschreibt.

06:07 Becken, schmetternde Blechbläser
Die Klänge der schmetternden Blechbläser reiben sich. Tschaikowski benutzt diese Art „Dissonanzen“ (reibende Klänge) oft. Sie besitzen ihm zufolge „die stärkste Kraft“, weil sie unsere Leidenschaften und Schmerzen zum Ausdruck bringen.

07:00 Musik schwillt rollend an
Das gesamte Orchester endet in einem leidenschaftlichen Ausbruch mit Blechbläsern und Schlagwerk. Das ist doch noch nicht das Finale der Sinfonie? Sicher nicht: es ist ein Scheinsieg.

08:02 Absteigende Tonleitern
Am Ende des Satzes herrschen fallende Tonleiter vor. Tschaikowski lässt uns mit einem Gefühl von Enttäuschung zurück. Ein guter Zuhörer weiß nun, dass dieser Marsch kein Triumphzug ist.

4. Satz: Adagio lamentoso
 

00:00
Was für ein Übergang zu diesem langsamen und ergreifenden Satz. Eine Serie absteigender Noten von den Streichern macht es deutlich: dies ist ein Klagegesang. Über eine unmögliche Liebe?

01:15
Tschaikowski verband eine amouröse Beziehung mit seinem Neffen Bob Davidov, dem er diese Sinfonie gewidmet hat. Für manche ist das erneut ein Hinweis, um dieses Werk mit Tschaikowskis Liebesleben in Verbindung zu bringen.

02:30 Hörner, gefolgt von der Melodie
Drei tiefe, hämmernde Herzschläge klingen aus den Hörnern: ta-daam, ta-daam, ta-daam. Das ist der Auftakt zu einer gefühlvollen Melodie, die direkt aus Tschaikowskis Herz zu kommen scheint.

03:30 Wiederholungen der Melodie
Die Melodie wird wiederholt, immer lauter werdend. Erst spielen die Posaunen den Streichern nach. Schließlich kommen auch die Pauken hinzu und treiben die Musik zu einem lauten Höhepunkt an.

04:50
Tschaikowski beginnt und beendet diese Sinfonie in Moll. Dies ist keine Reise durch Nacht zum Licht, sondern von Dunkel nach Düster. Hiermit stellt er den vertrauten Kreis einer Sinfonie auf den Kopf.

06:06
Mit diesem intimen, persönlichen Ende der Sinfonie bahnte Tschaikowski für viele andere Komponist:innen den Weg. Unter anderem folgt Mahlers Neunte Sinfonie demselben Muster.

07:05 Gedämpfte Hörner
Erneut reibt sich die Musik: die gedämpften Hörner fauchen. Zusammen mit einem leisen Schlag auf dem Tamtam bringen sie schlechte Neuigkeiten. Sind das die letzten Zuckungen eines Herzens, das es verstanden hat?

07:33 Posaunen und Tuba im Chor
Würdig und mehrstimmig spielen drei Posaunen und eine Tuba ihre Melodie, die immer weiter sinkt, um letztendlich in der Tiefe zu verschwinden, wie ein Sarg, die langsam in ein Grab sackt.

08:30
Eindringlich erstirbt die Musik. „Der Tod starrt Dir ins Gesicht, er sagt nichts und man kann sich nicht vor ihm verstecken.“ (Klimotovski). Für Tschaikowski bewahrheitet sich das nur neun Tage nach der Uraufführung dieser Sinfonie.

Text: Eline Levering. Übersetzung: Catharina Wüst