• Salvatore Sciarrino © Luca Carrà / Rai Com Salvatore Sciarrino © Luca Carrà / Rai Com

150 Jahre Phil - Festwoche
Kulturpalast
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Vanitas

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#WEITER HÖREN

Von Salvatorre Sciarrinos „Vanitas“ ist keine komplette Aufnahme kostenfrei im Internet zu finden, aber genau darin liegt auch eine Chance. Eine der Eigenarten von Sciarrinos Musik besteht darin, dass seine Werke durch eine Vielzahl von Bezügen verbunden sind und gleichzeitig oft mit der Musikgeschichte dialogisieren. Dieser Beziehungsreichtum ist in „Vanitas“ besonders ausgeprägt, und dieser Eigenart möchten wir hier nachspüren. „Vanitas“ gehört zu einer Gruppe von Werken, die in vielfacher Hinsicht miteinander korrespondieren. Das zunächst entstandene trägt den Titel „Blue Dream“ (1980) und besteht aus einer revueartigen Folge von Bearbeitungen diverser Songs aus der goldenen Ära von Film und Musical, insbesondere aus den 1920er und 1930er Jahren. Einer der Songs, die Sciarrino bearbeitet hat, ist „Stardust“ (Sternenstaub“) aus dem Jahr 1927, komponiert von Hoagy Carmichel und im Nachhinein von Mitchell Parish textiert.
Hören Sie zunächst zwei Versionen dieses Songs. Zunächst eine rein instrumentale mit dem Komponisten an Cornet, Klavier und Violoncello: https://www.youtube.com/watch?v=P82SS7VyqBY

Und nun noch eine mit Louis Armstrong, der viel dazu beigetragen hat, diesen Song berühmt zu machen: https://www.youtube.com/watch?v=x-1f25Lg2FI

Hier nun die Bearbeitung von „Stardust“ durch Sciarrino, aber eben nicht die für Sopran und Klavier aus „Blue Dream“, sondern gleichsam die Bearbeitung der Bearbeitung, nämlich für Stimme und Orchester, die 1985 entstand und uraufgeführt wurde, die aber sehr wesentliche Elemente der Version aus „Blue Dream“ bewahrt: https://www.youtube.com/watch?v=RmfsC3cp24Y

Ein ganz wesentliches Element der Fassung Sciarrinos sind Klavierakkorde, die von unten nach oben durch Aufheben der Finger von der Tastatur verlöschen – gleichsam Gegenbilder zu rauschenden Arpeggien, bei denen nacheinander erklingende Töne zu voll tönenden Akkorden verschmelzen. Sciarrinos „Schatten-Arpeggien“ lassen sich als klingende Symbole der Vanitas, der Vergänglichkeit, deuten. Genau dieses Element hat Sciarrino sodann aus „Blue Dreams“ herausgelöst. Es bildet zunächst die Grundlage für „Melencolia I“ für Violoncello und Klavier (1981), wo zu diesen Akkorden eine neue Cello-Stimme komponiert wurde. Auch die kontrastierenden Einwürfe gehen auf „Blue Dream“ zurück, nämlich auf einen Moment aus Sciarrinos Version von Cole Porters „Night and Day“ (1932). Der Titel „Melencolia I“ ist einem Kupferstich Albrecht Dürers entlehnt, auf dem Symbole der Vanitas versammelt sind: https://de.wikipedia.org/wiki/Melencolia_I#/media/Datei:Melencolia_I_(Durero).jpg

Hören Sie „Melencolia I“ für Violoncello und Klavier: https://www.youtube.com/watch?v=nKk4y6QPdm4

Damit sind wir nun schon ganz nah an die Sphäre von „Vanitas“ gerückt: Diese Akkorde sowie die Verlautbarungen des Cellos prägen – nunmehr in Verbindung mit der neu hinzukomponierten Singstimme – weite Teile von „Vanitas“, den ersten und zweiten Satz und auch das Finale, „Ultime Rose“ (Letzte Rosen): https://www.youtube.com/watch?v=IZD7I0qAfpM


Die Umformung von schon vorhandenem, älterem Material ist – wie angedeutet – ein bezeichnender Aspekt von Sciarrinos Komponieren. Ein ganz besonders charmantes Beispiel mag das zum Abschluss nochmals nachvollziehen lassen. In „Blue Dream“ hatte er auch das berühmte „Singin‘ in the Rain“ von Nacio Herb Brown und Arthur Feel aus dem Jahr 1952 bearbeitet und diese Version unter dem Titel „Anamorfosi“ als Klavierstück separat veröffentlicht. Der Titel „Anamorfosi“ kehrt im Titel des vierten Satzes von „Vanitas“ wieder und bezeichnet eigentlich eine Technik der Malerei, bei der ein Gegenstand in so verzerrten Dimensionen gezeigt wird, dass man nur aus einer bestimmten, zumeist extremen Perspektive erkennen kann, was eigentlich dargestellt ist. In „Anamorfosi“ gelingt Sciarrino das Kunststück, die Melodie des Songs, die in der Mittelstimme liegt, mit Begleitfiguren zu umhüllen, die bezeichnenderweise aus zwei „Wassermusiken“ von Maurice Ravel entlehnt sind: aus „Jeux d’eaux“ (1901) und „Une barque sur l’océan“ (aus „Mirroirs“ von 1904/05). Obwohl gänzlich aus fremdem Material geformt, klingt das Stück dennoch unverwechselbar nach Sciarrino: https://www.youtube.com/watch?v=yCcqkFTvwAI

Salvatore Sciarrino
›Vanitas. Natura morta in un atto‹ (Stillleben in einem Akt) (1981)
für Stimme (Mezzosopran), Violoncello und Klavier
nach Texten von Anonymus, Giovan Leone Sempronio, Giovan Battista Marino, Robert Blair, Jean de Sponde, Martin Opitz, Johann Christian Günther, Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen

Noa Frenkel | Mezzosopran
Martina Schucan | Violoncello
Florian Hölscher | Klavier